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Meine Träume sind andere

Slavoj Žižek erzählt häufig die Anekdote von Niels Bohr, der ein Hufeisen über der Tür aufhing, weil man ihm sagte, es brächte auch dann Glück, wenn man nicht daran glaubt. Gemeint ist, dass wir heute ideologisch motiviertes Verhalten als rational wahrnehmen, weil heutige Ideologie derart sanft daherkommt, dass wir ihre Prämissen akzeptieren, ohne sie in einer schwierigen Auseinandersetzung zu hinterfragen.

Ein Beispiel, dass mir im Zusammenhang mit Debatten um den Erfolg der Piratenpartei aufgefallen ist: die reale Existenz von „geistigem Eigentum“ wird schon als gegeben angenommen, ohne dass jemand den Begriff überhaupt sinnvoll herleiten könnte. Wenn man den Bogen etwas weiter spannen will, die reale Existenz von Eigentum an sich, dass sich ein Einzelner scheinbar erarbeiten könne, ohne jegliche gesellschaftliche Ressourcen zu nutzen, eine recht offensichtliche Illusion.

Žižek nennt die Leitideologie „spiritueller Hedonismus“ (das fiel mir heute wieder ein, als der Papst in einer unfreiwilligen Bankrott- erklärung beider Seiten die Grünen lobte und Ahmadinejad sich auf Atomkraft sowie die Rückkehr Jesu freute; seltsame Zeiten). Wir müssen nur wir selbst sein und unser Potential verwirklichen, und schon werden alle unsre Fehler in klassischen Hollywood-Endings vergeben und wir haben Erfolg, können uns der neusten Konsumgüter erfreuen und unsere von Marketingabteilungen ausformulierten Träume verwirklichen.

Alles, was nötig ist, ist die Akzeptanz der Ideologie, ein gewisser Basis-Konformismus in der Wahl unserer Denkverbote, ein Anerkennen der These, dass sich nichts grundlegend ändern kann, weil das ganze jetzige Gesellschaftssystem auf Notwendigkeiten und Zwängen der menschlichen Natur fußt und daher im wahrsten Sinne alternativlos ist, während es doch um uns herum sichtbar zu zerbröseln droht.

Doch was wären denn Alternativen? Dadurch, dass jede Form des Protestes sofort eingebunden und kommerzialisiert wird, dadurch dass selbst viele der klügsten Geister höchstens gelegentlich dem Käfig der Ideologie entfliehen, sind noch nicht einmal Ansätze formuliert.

Um es konkret zu machen: kaum jemand hinterfragt, ob die Eurokrise nicht von den fehlenden Lohnerhöhungen in Deutschland mitverursacht wurde, ob das Geld, dass wir als Exportweltmeister jährlich verdienen, nicht von den Banken leichtsinnig im großen Casino verbrannt wurde, ohne dass dafür auch nur irgendein Sündenbock büßen musste oder etwas Grundlegendes gegen eine Wiederholung getan wurde, ob eine Schuldenbremse den Euroraum nicht auf Jahrzehnte dazu verurteilt, den Privatsektor real zu schrumpfen (Staatssektor + Privatsektor = Außenhandelsbilanz, setze ich den ersten Faktor auf 0 und der dritte ist leicht negativ, was bleibt dann dem zweiten?).

Ich habe es schon einmal geschrieben, die Perspektive auf das Problem ist immer schon Teil des Problems, man muss sich erst von der Ideologie lösen – und das bedeutet, man muss sie erst einmal als solche wahrnehmen.

Jede Krise ist eine Chance, in den nächsten Jahren öffnet sich mit Machtwechseln unter anderem in Deutschland und Frankreich möglicherweise ein Fenster, Europa neu zu denken, einen Europäischen Traum zu formulieren, der sich von den herrschenden Illusionen nur gerade so viel borgt wie unbedingt nötig, der kleinkarierten ökonomischen Nationalismus auf Dauer hinter sich lässt und eine politische Antwort auf die Macht der Märkte findet, ultimativ der Grundstein einer alternativen Ideologie.

Solche Träume sofort als utopisch abzutun, ist bloß der Pawlowsche Reflex des ideologisch geschulten Zynikers. Wer ihn verspürt hat, sollte sein Hufeisen wegschmeißen.
22.9.11 21:02
 


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